Thorsten Lubinski, CEO von DiaMonTech, entwickelt ein nicht-invasives Blutzuckermessgerät auf Basis photothermischer Technologie. Im Interview erläutert er, warum Künstliche Intelligenz in der Medizintechnik vor allem eines leisten muss: physikalische Rohdaten präzise und regulatorisch belastbar in medizinische Messwerte übersetzen. Gleichzeitig macht er deutlich, dass im sensiblen Gesundheitsmarkt nicht nur die Technologie zählt, sondern auch eine faktenbasierte Kommunikation. Eine, die Vertrauen schafft und Marketing als Aufklärung versteht.
Herr Lubinski, Sie entwickeln ein Hightech-Medizinprodukt zur Blutzuckermessung. Können Sie kurz erklären, wo bei Ihnen konkret Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt?
Künstliche Intelligenz kommt bei uns vor allem in der Auswertung der Messdaten zum Einsatz. Unsere Technologie erzeugt komplexe photothermische Signale, die wir mithilfe von KI-basierten Algorithmen analysieren. Die KI ist ein zentraler Baustein, um aus physikalischen Rohdaten medizinisch verlässliche Werte zu machen. Perspektivisch werden wir KI auch dazu benutzen, den Nutzern die Messwerte verständlich zu machen. Gerade bei der Blutzuckermessung ist nicht der einzelne Messpunkt entscheidend sondern der Blutzuckerverlauf über Tage, Monate und Jahre. Da kann KI helfen aus Datenpunkten nützliche Informationen zu generieren.
Was sind Ihre Erfahrungen mit KI „Made in Germany“: Setzen Sie auf lokale Partner oder greifen Sie auch auf internationale Plattformen zurück?
Ein Großteil unserer Algorithmen entsteht inhouse und wird von Grund auf neu entwickelt, weil wir der KI die physikalischen Grundbedingungen unter der es arbeitet, beibringen müssen. Unsere Algorithmen müssen keine offenen Fragen beantwortet können, wie z.B. ChatGPT, sondern sie müssen mathematisch korrekt Signale in Werte umsetzen. Gleichzeitig nutzen wir selbstverständlich internationale Software-Bibliotheken und Entwicklungswerkzeuge. Entscheidend ist für uns nicht der geografische Ursprung der Tools, sondern dass Datenhoheit, Qualität und regulatorische Anforderungen jederzeit erfüllt sind.
Im MedTech-Bereich ist Vertrauen besonders wichtig, gerade im Umgang mit sensiblen Daten. Welche Rolle spielen dabei Kommunikation und Marketing?
Vertrauen ist im MedTech-Bereich absolut zentral und entsteht durch Transparenz und wissenschaftliche Evidenz. Unsere Kommunikation ist deshalb bewusst faktenbasiert: klinische Studien, klare Aussagen zur Leistungsfähigkeit unserer Technologie und ein offener Umgang mit Entwicklungsstadien. Marketing verstehen wir deshalb als Aufklärung. Gerade bei sensiblen Gesundheitsdaten ist es wichtig, verständlich zu erklären, was wir messen, wie wir messen und was bzw. was nicht mit den Daten passiert.
Vielfach wird beklagt, dass der deutsche Standort für Start-ups im Bereich KI nicht ideal ist. Teilen Sie diese Kritik?
Deutschland hat exzellente Voraussetzungen: starke Universitäten, sehr gute Ingenieurskunst und hohe wissenschaftliche Standards. Gleichzeitig erleben wir aber auch hohe regulatorische und bürokratische Hürden, insbesondere im MedTech- und KI-Bereich. Förderprogramme sind vorhanden, aber oft komplex und langsam. Mein Fazit ist also: Das Potenzial ist enorm, aber wir müssen schneller werden. Vor allem bei Genehmigungen, Förderprozessen und der Überführung von Forschung in marktfähige Produkte.
Was können deutsche Gründer vom Silicon Valley lernen?
Vor allem Geschwindigkeit und Pragmatismus. Im Silicon Valley wird sehr früh getestet, iteriert und skaliert, auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen. In Deutschland neigen wir dazu, Dinge erst perfekt machen zu wollen. Die Kunst besteht darin, die wissenschaftliche Tiefe und Qualität Europas mit der Umsetzungsgeschwindigkeit des Silicon Valley zu verbinden. Das wäre eine ideale Kombination.
Welche weiteren Innovationen planen Sie in den kommenden Monaten?
Unser Fokus liegt jetzt auf der Produktentwicklung und Marktreife. Nach der erfolgreichen klinischen Validierung arbeiten wir intensiv an der Zulassung und Weiterentwicklung unseres tragbaren Geräts, dem D-Pocket. Parallel treiben wir die Miniaturisierung unserer Technologie voran, mit dem Ziel, sie langfristig in Wearables zu integrieren. Darüber hinaus sehen wir perspektivisch Potenzial, unsere photothermische Technologie auch auf weitere Biomarker auszuweiten.
Interview: Helmut van Rinsum
Thorsten Lubinski ist Mitgründer und CEO der Berliner DiaMonTech AG. Der Unternehmer und Wirtschaftsinformatiker mit MBA verfügt über langjährige Erfahrung im Aufbau und der Skalierung von Technologieunternehmen. Mit DiaMonTech will er die Blutzuckermessung durch eine patentierte, nicht-invasive Technologie ohne Nadelstich grundlegend verändern und so die Lebensqualität von Menschen mit Diabetes nachhaltig verbessern.








