Im Hype um Künstliche Intelligenz richten viele Unternehmen ihren Blick vor allem auf die Technologie. Dabei übersehen sie einen entscheidenden Faktor: die Schnittstelle zum Menschen. Im Gespräch erklärt Lars Finke von Accenture Song, warum nicht die Leistungsfähigkeit der Systeme, sondern ihr Design für den Erfolg wichtig ist. Seine These: Leere Promptfelder erzeugen in Unternehmen oft mehr Unsicherheit als Produktivität. Durchdachte Interfaces dagegen können für die Arbeit mit KI-Tools entscheidend sein.
Herr Finke, Sie verantworten bei Accenture Song den Bereich Design & Digital Products. Was bedeutet das konkret?
Ich leite ein Team, das sich mit digitalen Produkten und Interfaces beschäftigt, also mit der „Membran“ zwischen Mensch und Maschine. Früher hätte man Experience Design gesagt, aber der Begriff ist etwas ausgelaugt. Entscheidend ist: Diese Schnittstellen werden mit dem technologischen Fortschritt, insbesondere durch KI, immer wichtiger. Denn die Tools werden mächtiger, dynamischer, weniger vorhersehbar und gleichzeitig können sie für Unternehmen zur Hürde werden. Unsere zentrale These lautet deshalb: Nicht die Technologie ist das Problem, sondern das Design.
Woran machen Sie das fest?
Fast alle Unternehmen führen derzeit KI-Tools ein. Viele haben aber keine klare Strategie, sondern reagieren auf den Marktdruck. Gleichzeitig integrieren zum Beispiel die großen Enterprise-Anbieter für unternehmensinterne Tools – Workday, ServiceNow, Ariba und andere – überall KI-Module. Das führt zu einem Überangebot an Möglichkeiten. In der Realität sehen wir: Die meisten Unternehmen sagen, sie haben KI produktiv eingeführt. Aber nur ein Bruchteil erzielt tatsächlich Produktivitätsgewinne. Die reale Nutzungsquote liegt oft eher bei 20 Prozent. Der Kern des Problems ist: Die Tools sind mächtig, aber ihre Power liegt unter der Oberfläche. Und das klassische Interface – ein leeres Promptfeld mit blinkendem Cursor, in das der Nutzer einen Auftrag an die KI eintragen soll – ist für viele Menschen keine Hilfe, sondern eine Hürde.
Das klingt paradox. Die Reduktion auf ein einfaches Eingabefeld galt doch lange als Stärke.
Ja, und im privaten Kontext funktioniert das auch oft. Viele Menschen nutzen solche Tools intuitiv. Aber im Unternehmenskontext ist die Situation eine andere: Mitarbeitende haben Verantwortung, Unsicherheit, Compliance-Fragen. Darf ich das eingeben? Kann ich dem Output trauen? Mache ich etwas falsch? Die völlige Freiheit des leeren Promptfelds überfordert die meisten. Sie führt dazu, dass ein kleiner Teil sehr versiert wird und ein großer Teil abgehängt wird. Das verschärft Ungleichheiten in Teams und senkt die Adoption insgesamt. Deshalb glauben wir: Es braucht Kuratierung, Führung und Gestaltung.
Was heißt das konkret für Ihre Arbeit mit Kunden?
Unsere Überzeugung ist: Man darf diese Tools nicht einfach so ausrollen, wie sie vom Hersteller kommen. Man muss sie kontextualisieren, gestalten, in Arbeitsprozesse einbetten.
In der Praxis heißt das: Wir gestalten Interfaces gezielt für bestimmte Rollen, Workflows und Aufgaben – quasi ein individuelles Leitsystem für die jeweilige Nutzergruppe. Nicht jedes Unternehmen braucht dasselbe, nicht jede Zielgruppe dieselbe Oberfläche. Design wird damit zu einem echten Produktivitätshebel.
Hat sich dadurch auch die Rolle von Design verändert?
Absolut. Früher war Design oft „nice to have“. Es hat geholfen, Technologie besser nutzbar zu machen, ihre Grenzen zu kaschieren. Heute ist die Situation anders. KI-Systeme sind nicht-deterministisch. Sie reagieren situativ, probabilistisch, manchmal widersprüchlich. Die alten Design-Patterns reichen dafür nicht mehr aus. Die Interfaces der Zukunft sind noch gar nicht entworfen. Text- oder Voice-Dialoge, wie wir sie heute kennen, sind nur eine Zwischenstufe. Zukünftig werden Interfaces dynamisch, kontextsensitiv und in Echtzeit aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt sein. Design muss diesen Technologiesprung erst einmal „einholen“.
Gibt es typische Konflikte mit IT-Abteilungen, wenn Sie solche Konzepte vorschlagen?
Früher ja, heute zunehmend weniger. Ein Grund ist, dass wir viel stärker mit funktionalen Demos arbeiten statt mit PowerPoint oder statischen Mockups. Wir bauen lauffähige Prototypen, die Business und IT gemeinsam betrachten können. So entsteht eine gemeinsame Sprache. Die IT sieht: Das ist kein fertiger Produktivcode, aber sie versteht sehr genau, wie groß der Abstand zur realen Integration ist. Das reduziert Widerstände deutlich.
Gibt es Prinzipien, nach denen gute KI-Interfaces gestaltet werden sollten?
Ja, wir arbeiten mit einer Reihe von Leitprinzipien. Dazu gehören unter anderem:
Context Awareness und Memory: Das System sollte Kontext verstehen und sich an frühere Interaktionen erinnern.
Integration in Unternehmensdaten mit Transparenz: Nutzer müssen sehen können, woher Informationen kommen. Das schafft Vertrauen.
Guided Prompt Inspiration: Statt leerem Promptfeld geben wir strukturierte Auswahlmöglichkeiten. Mit einer begrenzten, sinnvollen Auswahl gelingen deutlich bessere Ergebnisse.
Anpassbarer Ton und Output: Länge, Tonalität oder Detailgrad sollten über einfache Controls steuerbar sein, nicht über komplizierte Promptlogik.
Klare, flexible Kontrolle: Nutzer sollen verstehen, was sie steuern können, ohne überfordert zu werden.
Wichtig ist dabei auch die Standardisierung. Wenn verschiedene interne Tools völlig unterschiedlich funktionieren, entsteht Unsicherheit. Gute Interfaces schaffen Orientierung.
Sollten Interfaces auch „intelligent“ sein und sich an Personen anpassen?
Ja – aber differenziert. Bei Endkunden sprechen wir zunehmend von „Generative UI“ – dynamische Oberflächen, die sich situativ aufbauen, je nach Kontext, Anliegen und Nutzer. Das wird bereits gebaut. Bei internen Enterprise-Tools ist mehr Stabilität nötig. Zu viel Dynamik kann dort auch Unsicherheit erzeugen. Die Balance ist entscheidend.
Welche Rolle spielt Verhaltensforschung in diesem Ansatz?
Eine zentrale. Denn das Kernproblem ist Unsicherheit. Unsicherheit beim Input („Formuliere ich das richtig?“), Unsicherheit beim Output („Kann ich dem Ergebnis trauen?“). Verhaltensforschung zeigt, dass Einschränkung Orientierung schafft. Wenn ich Menschen nicht unendlich viele Optionen gebe, sondern kuratierte Auswahlmöglichkeiten, steigt Vertrauen. Diese gezielte Begrenzung ist kein Mangel, sondern ein Produktivitätsfaktor. Gute Interfaces reduzieren kognitive Last, geben Führung und schaffen Sicherheit. Genau darum geht es.
Interview: Helmut van Rinsum
Lars Finke ist seit 2018 Managing Director sowie Leiter Design & Digital Products bei Accenture Song. Zuvor prägte er über viele Jahre die Entwicklung von SinnerSchrader, wo er von 2013 bis 2020 als Managing Director tätig war und davor verschiedene Führungsrollen innehatte, unter anderem als Account Director (2009–2013) und Senior Consultant (2007–2009). Seine berufliche Laufbahn begann Finke in der Forschung: Nach seiner Promotion in Physik an der Universität Hamburg arbeitete er von 2006 bis 2007 als Post‑doc in der experimentellen Teilchenphysik und Softwareentwicklung am DESY.








