Kreutzer: „KI-Journey möglichst bald starten“

Künstliche Intelligenz wird zu einer Disruption im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt führen. Aber sie wird auch wirtschaftlich neue Perspektiven aufzeigen. Im Interview fordert Professor Ralf T. Kreutzer alle Manager dazu auf, in ihren Unternehmen eine KI-Taskforce zu installieren und sich somit für eine lange KI-Journey fit zu machen. Kreutzer: „Andernfalls wird sich der Weltmarkt freuen, wenn wir bei dieser Basis-Innovation patzen.“

Herr Kreutzer, in Ihrem aktuellen Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“ schreiben Sie, dass KI das Leben von Menschen und Unternehmen noch nachhaltiger verändern wird, als sich das viele heute vorstellen können. Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ralf T. Kreutzer: Die Künstliche Intelligenz wird – Schritt für Schritt – in alle Lebensbereiche der Menschen einziehen und damit unser aller Leben nach und nach verändern. Das Problematische an dieser Entwicklung ist, dass wir als „normale Nutzer“ diese Schritte oft gar nicht wahrnehmen können.

Hierfür ein Beispiel: Schon heute wird unsere Suche bei Google oder bei Amazon durch Algorithmen der Künstlichen Intelligenz unterstützt. Diese Algorithmen haben das Ziel, uns möglichst „passende“ Treffer zu liefern, um uns zum Verweilen bei Google beziehungsweise direkt zum Kauf bei Amazon zu motivieren. Die Künstliche Intelligenz führt folglich zu einer – hart formuliert – Manipulation des uns angebotenen Lösungsraums. Und wir haben kaum Ansatzpunkte, dies zu umgehen, weil wir alle einen digitalen Schatten mit den Daten unserer Online-Nutzung werfen, den wir nicht oder nur sehr schwer loswerden können.

Wo begegnen wir der KI im Alltag sonst noch?

Kreutzer: Algorithmen der Künstlichen Intelligenz werden zunehmend auch bei Online-Partnerschafts-Portalen Liebende, bei airbnb Quartieranbieter und Quartiernachfrager sowie bei Reiseportalen Reiseveranstalter und Reiselustige zusammenführen. Im Gesundheitswesen werden KI-Systeme bei der Diagnose und Therapie unterstützen – und bald werden vielleicht schon Robo-Advisor unsere Finanzen managen. Auch im Produktionsbereich werden die Fabriken zunehmend smarter; das heißt, dass sich Prozesse selbst steuern, eigenständig lernen und sich autonom verbessern – gerne auch über Ländergrenzen hinweg. Diese Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.

Sie bezeichnen KI auch als Basis-Innovation, die in alle Lebensbereiche vordringen wird. Wie sollten wir uns als Bürger darauf einstellen?

„Es wird zu KI-basierten Entlassungen kommen“

Kreutzer: Ein paar der Lebensbereiche, in die KI vordringen wird, habe ich ja schon genannt. Für mich ist es eine der „ersten Bürgerpflichten“, sich mit den Möglichkeiten und auch den Risiken der Künstlichen Intelligenz konstruktiv zu befassen. Das war auch genau der Grund für das Verfassen meines Buches „Künstliche Intelligenz verstehen“ – zusammen mit Marie Sirrenberg.

Wir möchten in diesem Buch zunächst einmal die wichtigsten Begriffe der Künstlichen Intelligenz leicht verständlich erklären, damit jeder Interessierte weiß, worüber gesprochen wird. Und dann wollen wir vor allem „Lust auf KI“ vermitteln und dies der in Deutschland – wieder einmal – dominierenden Angst vor Veränderungen entgegenstellen. Ja, KI wird zu einer Disruption im Arbeitsumfeld führen. Und ja, es wird auch zu KI-basierten Entlassungen kommen.

Besonders kritisch wird es aber werden, wenn wir die Chancen der KI in Deutschland – als eine der nach wie vor führenden Exportnationen – nicht frühzeitig erkennen und beherzt nutzen. Der „Weltmarkt“ wartet nicht auf uns – er würde sich vielmehr freuen, wenn wir bei dieser Basis-Innovation patzen und dieses Mal nicht dabei sind. Dann besteht allerdings die Gefahr, dass wir die nächsten Innovationsschübe auch nicht mehr miterleben. Die damit einhergehenden Effekte auf den Arbeitsmarkt und auf die wirtschaftliche Stärke Deutschlands insgesamt würden dann deutlich stärker ausfallen als die jetzt mit dem KI-Einsatz verbunden Auswirkungen.

Wie sollten Unternehmen also darauf reagieren?

Kreutzer: In der 1. Phase sollten quasi alle Unternehmen eine KI-Taskforce installieren, um einmal für das eigene Unternehmen und die eigene Branche zu ermitteln, welche Chancen und Risiken mit dem KI-Einsatz einhergehen. Werden interessante Einsatzfelder erkannt, dann sollte in der 2. Phase eine systematische Vorbereitung auf den KI-Einsatz erfolgen. Hierzu gehört es, möglichst schnell eigene KI-Fingerübungen zu starten. Es ist noch kein KI-Meister vom Himmel gefallen! Deshalb gilt auch beim KI-Einsatz: möglichst früh eigene Erfahrungen zu sammeln und damit zu wachsen.

In der 3. Phase können eigene KI-Anwendungen entwickelt werden. Hierzu ist die eigene KI-Kompetenz konsequent aufzubauen – denn schon jetzt ist absehbar, dass die notwendigen KI-Spezialisten am Arbeitsmarkt nicht verfügbar sind. Und dieser Mangel wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken, wenn immer mehr Unternehmen aus dem KI-bezogenen Dornröschenschlaf aufwachen. In der 4. Phase gilt es schließlich, KI-Anwendungen umfassend in das gesamte Unternehmen zu integrieren.

Diese KI-Journey kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Und wir sollten sie möglichst bald starten, damit der Zug nicht ohne uns abfährt!

Was sind Ihrer Meinung nach die Treiber für diese Entwicklung?

„Super-Rechner für gigantische Datenströme stehen bereit“

Kreutzer: Das ist ein großes Feld! Auf der einen Seite des Marktes können wir die Nutzer ausmachen, die kontinuierlich ein Mehr an Bequemlichkeit und ein Mehr an Individualisierung erwarten. Auf der anderen Seite sehen wir das Gewinn- und Effizienzstreben der Unternehmen, die neue Technologie – vor allem in China und den USA – gerne aufgreifen, um weitere Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

Ralf T. Kreutzer im Gespräch mit Roboter Pepper
Kreutzer: Ein Mehr an Bequemlichkeit

Diese ganze Entwicklung wird erst ermöglicht durch verschiedene Treiber, die ich hier nur mit den relevanten Schlagworten benennen kann – im Buch füllt das 40 Seiten! Es ist zu verweisen auf das nach wie vor relevante Moore’s Law, das uns die Exponentialität von Entwicklungen drastisch vor Augen führt. Wir müssen an die Digitalisierung und Dematerialisierung von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen denken, die in vielen Bereichen erst den KI-Ersatz ermöglichen.

Es ist zu denken an die Vernetzung von Produkten, Services, Prozessen, Tieren und Menschen im Internet-of-Everything. Damit verbunden ist ein schier unerschöpflicher Datenstrom – genannt Big Data. Und gerade dieser Datenstrom ist das Futter, das für KI-Anwendungen benötigt wird. Und ja, heute stehen auch die Super-Rechner bereit, die diesen gigantischen Datenstrom beherrschen können.                   

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch zahlreiche Einsatzfelder für KI. Wo wird denn KI im Marketing wichtig werden?

Kreutzer: Auf dieses Feld machen Sie ja in Ihren spannenden Newslettern immer wieder aufmerksam. Deshalb möchte ich nur ein paar für mich wichtige Einsatzfelder nennen. Hierzu zähle ich den KI-Einsatz im Servicebereich sowie den zu erwartenden Siegeszug digitaler Assistenten à la Alexa, Google Home, Siri und Co. Ich erwarte hier in wenigen Jahren das Motto „Voice first“ oder sogar „Voice only“ – weil bei vielen Nutzern die Bequemlichkeit die Angst vor Datenmissbrauch dominieren wird. Deshalb sollten sich die Unternehmen schon heute überlegen, welche Schritte sie – analog zur Search-Engine-Optimization – zur Voice-Engine-Optimization einleiten sollten. Viele Anbieter werden hier sonst kalt erwischt.

Für mich war es übrigens „amüsant“ zu sehen, zu welchem Aufschrei es in den Medien kam, als berichtet wurde, dass bei Amazon und Apple auch Menschen die aufgezeichneten Dialoge anhören, um die Systeme zu verbessern. Das war doch zu erwarten und ist auch notwendig, wenn der Service immer besser werden soll. Denn so intelligent wie Menschen sind KI-Systeme noch lange nicht.

Welche weiteren Schritte vom Programmatic Advertising in Richtung Programmatic Content Creation über Programmatic All Media Buying bis hin zur Programmatic All Media Orchestration gegangen werden, wird sicherlich in Ihren informativen Newslettern zu lesen sein.

KI wird auch dazu führen, dass wird bald kaum mehr zwischen echten und gefakten Texten, Bildern und Videos unterscheiden können. Wie sollten wir mit dieser Herausforderung umgehen?

„Menschen müssen Dichtung und Wahrheit unterscheiden“

Kreutzer: Ich habe heute gerade ein neues Buch zum Thema „The Dark Side of Smartphone, Social Media & Co.“ abgeschlossen. In diesem setze ich mich intensiv mit den Gefahren auseinander, die mit einem unreflektierten Umgang mit diesen Medien und den dort präsentierten Inhalten verbunden sind.

Ich habe eine ganz einfache Antwort auf die Herausforderung. Sie lautet: Bildung, Bildung, Bildung…

Und das bedeutet?

Wir müssen die Menschen besser qualifizieren, damit sie Dichtung und Wahrheit unterscheiden können. Das funktioniert aber nur, wenn die Menschen (wieder) bereit sind, sich auch anzustrengen, um selbst wissen aufzubauen – auch wenn alles Wissen der Menschheit immer nur einen Mausklick entfernt ist. Aber es ist eben ein Unterschied, ob ich in meinem Bio-Computer eine eigene Wissen- und Wertdatenbank aufgebaut habe, oder ob ich mir Informations-Häppchen immer nur portionsweise beschaffe, die ich dann aber nicht ganzheitlich einordnen kann.

Hier klingen immer noch die Worte nach, die eine 24-jährige Teilnehmerin einer meine Trainings für Einzelhändler formuliert hat: „Lesen tue ich nicht mehr. Bilder anschauen ist auch zu anstrengend. Ich schaue mir nur noch Videos an, auch wo jemand was mit dem Dampfstrahler sauber macht. Hauptsache lustig.“ Das ist das Gegenteil von Bildung.                                                                                                             

Für mich es in diesem Kontext auch wichtig, dass wir die richtigen Begriffe verwenden. So spreche ich statt von „alternativen Fakten“ von „Lüge und Unwahrheit“. Bei mir heißt es auch nicht „postfaktisches Zeitalter“, sondern das „Zeitalter der Lügen und Unwahrheiten“. Allerdings muss man feststellen, dass gerade in Großbritannien jemand zum Premierminister gekürt wurde, der dreistester Lügen überführt wurde.

Aber viele scheint es nicht zu kümmern. Das verursacht mir wirklich Kopfzerbrechen! Denn wo soll das noch hinführen?

Das Interview führte Helmut van Rinsum

Dr. Ralf T. Kreutzer ist Professor für Marketing an der HWR Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie Marketing und Management Consultant. Er war 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei Bertelsmann, Volkswagen und der Deutschen Post tätig, bevor er 2005 zum Professor für Marketing berufen wurde. Kreutzer ist ein gefragter Referent zu Themen rund um Marketing, Digitale Transformation und Industrie 4.0. Kürzlich veröffentlichte er mit der IT-Beraterin Marie Sirrrenberg das Buch „Künstliche Intelligenz verstehen“.

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