KI übernimmt Aufgaben des Designers

Andreas Stiegler, Creative Technologist bei der Agentur Strichpunkt, hat ein Software-Tool entwickelt, das automatisch und KI-gestützt Designarbeiten erledigt. Übernimmt damit KI die Rolle des Art Directors? „Genau daran arbeite ich“, sagt Stiegler. Ein Gespräch über Intelligenz und Kreativität.

Andreas, wie kreativ kann Künstliche Intelligenz sein? Diese Frage sorgt immer wieder für Diskussionen. Wie ist hier Dein Standpunkt?

Andreas Stiegler: Zuerst würde ich gerne kurz ein paar Begrifflichkeiten klären. KI ist ein Forschungsfeld, ähnlich wie zum Beispiel Physik. Es ist also ein großer Sammelbegriff für ganz viele unterschiedliche Forschungsrichtungen, Ansätze und Anwendungen. Heute ist etwa Machine Learning ein sehr beliebtes Forschungsfeld – oder genauer gesagt Künstliche Neuronale Netze – aber es gibt auch viele andere Disziplinen. Ich finde hier besonders Reasoning bedeutend. In diesem Unterbereich geht es darum, Systeme zu bauen, die beispielsweise Schlüsse ableiten, Aktionen planen und Strategien entwickeln können. Reasoning ist hier zentraler Bestandteil von Forschungsbereichen wie KI in Games, den ich persönlich sehr wichtig finde, Robotik und Prozessautomatisierung. Reasoning ist auch der Kern unserer Arbeit hier bei Strichpunkt, besonders generative Systeme.

OK. Trotzdem nochmal zur Eingangsfrage: Wie kreativ kann KI sein?

Stiegler: Die Eingangsfrage führt uns in seichtes Gewässer, da wir weder für „Kreativität“, noch für „künstlich“ oder „Intelligenz“ gute Definitionen haben. Einem System also die Eigenschaft „kreativ“ zuzuschreiben, ist ziemlich wackelig und nicht wirklich haltbar. Das führt uns auch sehr schnell in die Philosophie. Der Naturwissenschaftler in mir würde daher einen anderen Weg gehen: Können wir Systeme bauen, die uns im kreativen Prozess unterstützen, oder gar ganze Arbeitsschritte darin weg automatisieren? Hier würde ich klar sagen: sicher!

Bei Strichpunkt ist ein wichtiger Teil der Arbeit im kreativen Prozess nicht nur das Anwenden und Entwerfen von Regeln, sondern auch das Brechen derselben. Das Ausbüxen aus Rahmenbedingungen. Und genau das kann ein künstliches und autonomes System auch. Denn witzigerweise folgt auch das Brechen von Regeln bestimmten Regeln.

Können also künstliche und autonome Systeme Teil kreativer Prozesse sein? Aber klar.
Können solche Systeme selbstständig und vollautomatisch Dinge entwerfen? Sicher, solange man ihnen ein paar Parameter mitgibt – die haben keine eigenen Ideen über Nacht.
Sind solche Systeme selbst kreativ oder gar Urheber ihrer Werke? Die Frage erscheint mir müßig, denn solange wir keine klare Definition haben, was Intelligenz und Kreativität eigentlich sind, kann man die Frage nie wirklich beantworten, ohne dass es berechtigte Einsprüche gibt.

Du hast bei der Designagentur Strichpunkt einen Layout Creator entwickelt, der im Grunde die Arbeit von Grafikern übernimmt. Kannst Du ganz kurz die Funktionsweise erklären?

Stiegler: Der Layout Creator besteht ganz grob betrachtet aus zwei großen Modulen: Das eine ist ein generatives System, das ausgehend von einer maschinenlesbaren Beschreibung eines Corporate Designs in der Lage ist, Dokumente zu erzeugen. Das ist auch seine einzige und zentrale Aufgabe: User Input kommt rein, zum Beispiel Texte für eine Headline, und es wuselt los und erzeugt wie wild verschiedene Varianten. Es erkundet quasi den möglichen Design-Raum für den aktuellen User Input.

Das zweite Modul schnappt sich diese erzeugten Entwürfe und bewertet sie anhand von CD Richtlinien wie etwa der Bildsprache – aber auch anhand ganz grundsätzlicher ästhetischer Kriterien wie zum Beispiel dem Goldenen Schnitt. Es vergibt dann Noten für die Varianten und gibt dem Generativen System und dem User so Feedback, was cool aussehen könnte. Die zwei Systeme zusammen sind das Herz des Layout Creator.

Erster Kunde ist DHL. Wie nutzt der Konzern das Tool?

Stiegler: Bei DHL wird der Layout Creator eingesetzt, um Nicht-Designern einen einfachen, spielerischen und vor allem angenehmen Umgang mit dem Corporate Design zu erlauben. Ein Nicht-Designer, der keine Expertise mit Design Werkzeugen und Programmen hat, möchte einfach zu einer Headline, einem Textblock und einem Bild ein schönes Poster und zwei Social Media Posts haben. Und das so, dass im Anschluss möglichst kein Designer weint. Genau das erledigt das Tool. Die KI spielt hier quasi den automatischen Designer, der diese Aufgaben abnimmt. Das erhöht übrigens auch deutlich den Spaß, den Endanwender mit einem CD haben. Und damit natürlich die Akzeptanz und Konsequenz, in der es zum Einsatz kommt.

Wo kommt hier Künstliche Intelligenz zum Einsatz?

Stiegler: Der zentrale Teil ist ein generatives System und ein Bewertungsmodul. Dieses ist Utility-basiert, für die Experten. Natürlich sind noch viele andere kleine Schritte enthalten, beispielsweise das Analysieren und Verstehen von Bildern etc. Den Kern bilden aber diese zwei Module.

Macht KI damit Designern den Job streitig?

Stiegler: Wessen Job bislang so angelegt war, CD-Regeln umzusetzen, dessen Tage sind gezählt, ganz klar. Denn was das Umsetzen von CDs und Regeln angeht, ist ein System immer die genügsamere Lösung. Ich glaube allerdings, dass die meisten Designer diesen Beruf gewählt haben, weil sie gern selbst CDs, Schriften oder Grafiken entwerfen wollen und nicht, weil sie stur ein Regelwerk abarbeiten wollen. Das sind Aufgaben, bei denen perspektivisch und mit fortschreitender Automatisierung immer ein Tandem zwischen einem automatisierten Werkzeug und einem Menschen zum Einsatz kommen wird. Und das ist für Designer doch eigentlich eine aufregende Nachricht.

DHL arbeitet jetzt seit einigen Monaten mit dem Layout Creator. Ist das jetzt die Blaupause für andere Unternehmen? Kann das System auf andere Konzerne übertragen werden? Die Anforderungen sind ja oft ähnlich.

Stiegler: Wir glauben immer daran, dass jede Anforderung ihre eigene, maßgeschneiderte Lösung verdient. Natürlich bietet der KI-Baukasten tolle Möglichkeiten, um Lösungen für alle möglichen Marken zu entwickeln. Allerdings würden wir zunächst immer sorgfältig analysieren, welcher Ansatz am besten passen würde. Denn nur weil wir jetzt einen neuen Hammer haben, sind ja nicht alle Probleme zu Nägeln geworden.

An welcher Stelle wird das System gerade optimiert?

Stiegler: Geschwindigkeit. Wie bei den meisten KI Systemen – und besonders bei generativen Systemen – ist die Geschwindigkeit, mit der die KI-Systeme arbeiten, ganz zentral. Wir sind zwar bereits in einem Modus, die eine User-Interaktion in Echtzeit ermöglicht, aber die Optimierung hört hier eigentlich nie auf.

Wird die Entwicklung eines Tages soweit kommen, dass KI eigenständig Layouts entwickelt? Also gewissermaßen die Rolle des Art Directors übernimmt?

Stiegler: Tatsächlich arbeite ich gerade ganz konkret genau daran. Ein Stück weit macht das der jetzige Layout Creator auch schon. Die KI wägt sehr viele verschiedene Layout Linien ab und entscheidet sich für die, die sie am besten bewertet. Ob ein System in Zukunft selbst CD Richtlinien entwickeln oder anpassen könnte, ist für mich eine der nächsten spannenden Fragen. Ich habe schon ein paar Pläne dazu und erste Umsetzungen.

Du bist bei Strichpunkt Creative Technologist. Was können wir uns darunter vorstellen?

Stiegler: Für eine Design und Branding Agentur habe ich vermutlich eine etwas exotische Biographie. Ich komme aus der Spieleentwicklung, habe in AI promoviert und beschäftige mich ansonsten eher mit Tech-Themen wie Game Engine Architekturen, Compilerbau und der Entwicklung eigener Programmiersprachen. Bei Strichpunkt habe ich die tolle Möglichkeit, in einem sehr interdisziplinären Umfeld diese technischen Themen, Erkenntnisse aus der Forschung und Spieleentwicklung, sowie Know-how aus dem Design und Branding zu verschmelzen. Das ist nicht immer einfach, aber ein unheimlich cooler Job!

An welcher Entwicklung arbeitest Du aktuell?

Stiegler: Mein nächstes großes Experiment ist eine Instanz, die selbst Systeme erzeugen kann. Und diese wendet dann CDs an. Das kommt einem „CD Generator“ noch am ehesten gleich, auch wenn es bestimmt erstmal nicht direkt dafür eingesetzt wird. Das ist eher ein internes Experiment und Werkzeug. Außerdem erweitere ich gerade SPML, die „Strichpunkt Markup Language“. Das ist die interne Sprache, mit der die verschiedenen KI-Module miteinander sprechen. Hier geht es mir besonders um Optimierung und neue Features für zukünftige generative Entwicklungen.

Für den DHL Layout Creator haben wir vor Kurzem das Campaign Feature fertig gestellt, das es einem Benutzer erlaubt, gleich mehrere Dokumente auf einmal zu erstellen. Wer jetzt zu einem bestimmten Text und einem bestimmten Bild ein hochformatiges Poster, ein querformatiges Poster und einen Newsletter haben möchte, dem baut das System das alles so zusammen, dass es CD konform ist und top aussieht. Eine schöne Erweiterung und Fortsetzung des bisherigen Ansatzes, der dank der letzten Runde an Verbesserungen möglich wurde.

Das Interview führte Helmut van Rinsum

Dr. Andreas Stiegler beschäftigt sich als Creative Technologist bei der Agentur Strichpunkt Design mit der Fusion von Know-how aus dem Branding und Design sowie der Spiele-Entwicklung und künstlicher Intelligenz. Mit einer Promotion in Game-AI widmet er sich nicht nur technologischen, sondern auch kreativen Themen und arbeitet intensiv mit Technologien aus der Spiele-Entwicklung (u.a. Virtual Reality, Artificial Intelligence) sowie an Themen wie Game Design, Community Management oder eSports. Neben seiner Tätigkeit bei Strichpunkt ist Stiegler als Dozent für Game-Physics und Game-AI an der Hochschule der Medien in Stuttgart tätig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.